Ausgabe 44
19.2.2012
 
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Geschichten rund um KH

 

Der Ring

Das Krankenhaus hüllte sich in Schweigen und die Patienten schliefen tief und fest. Auch die Schwestern waren vom Vorabend noch viel zu müde, um sich blicken zu lassen. Dies war die Zeit von Wilma Wischmopp, welche nun ungestört in den Fluren und Räumen herumwuseln konnte – und das war auch notwendig, denn irgendwer musste schließlich leise grummelnd all das Konfetti und den anderen Müll vom Weiberfasching beseitigen.

Während sie so die bunten Papierfetzen zu einem Haufen zusammenschob, stutzte sie plötzlich und hob einen goldenen Ring auf, den sie dort aufblitzen gesehen hatte. Er war von wunderschönem Glanz, den der darin eingearbeitete rote Stein nur noch vollkommener machte. Die Putzfrau zögerte: Eigentlich sollte sie ihn im Fundbüro des Krankenhauses abgeben, aber andererseits war er wirklich wunderschön und passte ihr auch wie angegossen. Sie beschloss, ihn noch eine Weile zu tragen und vielleicht später abzugeben. Mit deutlich besserer Laune fegte sie weiter, wobei ihr Blick immer wieder stolz auf das goldene Schmuckstück an ihrem Finger fiel.

Aber dann erschien, wie aus dem Nichts, ein Mädchen vor ihr. „Ich bin auf der Suche nach meinem Ring, ich muss ihn gestern Abend hier verloren haben. Er ist golden und mit einem roten Stein darin.“, flüsterte sie verzweifelt. Aus einem Impuls heraus hatte Wilma die Hand hinter ihrem Rücken versteckt und zögerte nun. Sollte sie dem Mädchen den Ring wirklich geben? Nicht, dass es sich hier um eine Betrügerin handelte, die ihn für sich selbst einkassieren wollte. Denn er war doch wirklich schön anzusehen und sie selbst würde sich so etwas als Putzfrau wohl nie leisten können. Wäre es da nicht nur gerecht, wenn...?

Dann sah sie in die großen, traurigen Augen des Mädchens und versuchte, den Gedanken wieder energisch abzuschütteln. Mit einem stummen Seufzer holte sie ihre Hand hinter dem Rücken hervor, streifte langsam, fast widerwillig, den Ring ab und gab ihn dem Mädchen. „Da hast du Glück, ich habe ihn vorhin erst gefunden.“ meinte sie leicht wehmütig, während sie sich innerlich vom begehrten Schmuckstück verabschiedete. Da geschah etwas, womit Wilma nicht gerechnet hatte: Das Mädchen brach in Tränen aus!

Doch waren es Tränen der Erleichterung und Freude, keine aus Trauer „Oh vielen, vielen Dank, Sie sind so ein guter Mensch! Denn das ist ein Erbstück meiner verstorbenen Mutter.“ Wilma war so gerührt, dass sie sich nun zutiefst schämte, allein schon mit dem Gedanken gespielt zu haben, den Ring für sich zu behalten. Außerdem hatte sich bisher noch nie jemand so dankbar gezeigt, wie dieses Mädchen. Denn sie war danach sogar bereit gewesen, ihr beim Aufräumen zu helfen, da dies doch „das Mindeste war, was sie tun konnte.“

Auch fortan stand das Mädchen, welches übrigens Hannah Huz hieß und eine der Dauerpatientinnen im Krankenhaus war, der Putzfrau zur Seite und sei es meist auch nur, um ihr die Arbeit mit Witzen und lustigen Geschichten zu erleichtern. Wilma war froh, ihrer Ehrlichkeit gefolgt zu sein, denn schließlich konnte auch der schönste Ring eine solche, neue Freundschaft nicht aufwiegen.

© Phoenixfeder

 

 

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